Worum es geht
Ich bleibe vorerst bei WordPress, nutze KI aber gezielt als Werkzeug. Wie ich zu dieser Haltung komme, beschreibe ich hier.
Derzeit gibt es unzählige Webinare und Infoveranstaltungen zum Thema „Webseite mit KI erstellen“. Die Botschaft lautet oft:
Mit Claude, ChatGPT und Co. braucht man kein WordPress mehr, und Kundinnen und Kunden pflegen ihre Seite künftig per Sprachnachricht selbst.
Ich bin seit über 40 Jahren selbstständige Grafikdesignerin. Ich habe noch Schriftsetzer und Lithografen erlebt und viele technische Umbrüche mitgemacht. Seit Jahren baue ich Webseiten für meine Kunden mit WordPress und dem Theme Divi, unterstützt von einer Programmiererin, die etwa zehn Prozent der Arbeit übernimmt.
Ich wollte verstehen, was an den Versprechen dran ist. Deshalb habe ich meine Fragen und Zweifel ausführlich mit einer KI durchgesprochen, ausgerechnet. Dieser Artikel fasst das Ergebnis zusammen. Er ist kein endgültiges Urteil, sondern eine Momentaufnahme. In diesem Feld ändert sich gerade vieles im Monatsrhythmus.
Eine Webseite mit KI erstellen: kein neues System
Die wichtigste Erkenntnis vorweg: Eine KI ist weder ein Website-Baukasten noch ein CMS wie WordPress. Sie ist ein Werkzeug, das Code schreibt. Eine „mit KI erstellte Webseite“ ist keine eigene Technologie, sondern ganz normaler Code, den eben eine Maschine statt eines Menschen geschrieben hat.
In der Praxis entsteht meist eine von drei Varianten:
- Statische Seite aus HTML, CSS und JavaScript. Ohne Datenbank, ohne PHP, ohne Login-Bereich. Der Server liefert nur fertige Dateien aus.
- Static Site Generator wie Astro, Eleventy oder Hugo. Das Ergebnis ist ebenfalls statisch, aber modular aufgebaut.
- Framework-Anwendungen wie Next.js. Dynamischer, aber für eine typische Kundenwebsite meist überdimensioniert.
Was in vielen Veranstaltungen untergeht: Eine KI kann genauso gut WordPress-Themes, Child-Themes oder kleine Plugins schreiben. „KI oder WordPress“ ist deshalb eine falsche Gegenüberstellung.
Hosting: frei wählbar, auch in Europa
Eine statische Seite lässt sich auf praktisch jedem Webspace hosten, also auch bei einem deutschen oder österreichischen Anbieter. Das ist gut für den Datenschutz, und statische Seiten laden ohnehin sehr schnell.
In Tutorials werden trotzdem häufig US-Plattformen wie Vercel, Netlify oder Cloudflare Pages empfohlen, weil sie bequem sind. Das ist eine Gewohnheit der Szene, keine technische Notwendigkeit. Die Vorschauseiten, die eine KI direkt im Chat erzeugt, sind übrigens Entwürfe und keine Grundlage für echte Kundenwebsites.
Ein Punkt, den man beim Datenschutz nicht vergessen sollte: Wer Kundenmaterial in eine KI lädt, also Texte, Fotos oder interne Unterlagen, schickt diese Daten an einen US-Anbieter. Das ist nicht automatisch problematisch, verlangt aber Bewusstsein dafür, was man hochlädt.
Updates, Sicherheit und die Frage der Pflege
Für mich ist nicht die Umsetzung der Aufwand. Die geht schnell, wenn Design und Inhalte auf strategischer Basis stehen. Aufwendig ist die technische Umgebung: regelmäßige Updates, rechtliche Vorgaben, Cookie-Banner, eine funktionierende interaktive Karte, das Zusammenspiel der Plugins.
Hier haben statische Seiten tatsächlich einen echten Vorteil. Ohne Plugins, Datenbank und Login fällt der Großteil der typischen WordPress-Angriffsfläche weg und damit auch die ständige Update-Pflicht.
Es bleiben aber Punkte, die man kennen sollte:
- Den Server muss weiterhin jemand aktuell halten, beim Shared Hosting der Anbieter.
- Kontaktformulare brauchen eine Server-Komponente oder einen externen Dienst.
- KI-Code sieht meist plausibel aus, ist aber nicht automatisch sicher, barrierefrei oder rechtskonform. Jemand muss ihn prüfen können.
- Es gibt keinen Admin-Bereich. Kunden können nicht einfach einloggen und einen Text ändern.
Gerade der letzte Punkt ist für mich entscheidend. Die meisten meiner Kunden wünschen sich, ihre Seite selbst zu pflegen. Ich schule sie dafür an der fertigen Divi-Seite: Texte ändern, Termine aktualisieren. Wer mehr will, bekommt eine erweiterte Schulung. Wer nichts selbst machen will, nutzt meinen Änderungsservice mit Zeitkonto.
In einem Webinar wurde gezeigt, wie man eine statische Seite per Sprachnachricht ändern lässt. Bei einfachen Wünschen wie neuen Öffnungszeiten klappt das. Doch man muss genau formulieren können, was man will. Der Kunde sieht nicht, was die KI im Hintergrund sonst noch verändert. Und wer haftet, wenn dabei das Impressum verschwindet? Ein visueller Editor wie Divi zeigt dagegen unmittelbar, was man tut. Für Laien ist das oft sicherer.
Übrigens sind manche meiner Schmerzpunkte gar keine Systemfrage. Ein Cookie-Banner ist oft unnötig, wenn eine Seite auf Tracking und externe Einbindungen verzichtet. Eine Karte lässt sich mit OpenStreetMap ohne Google einbinden. Beides geht auch in WordPress. Die Verantwortung für DSGVO, Impressum und Barrierefreiheit bleibt in jedem Fall bei mir, egal, wer den Code geschrieben hat.
Strategie, Marke und Inhalte bleiben Voraussetzung
Damit eine KI eine anständige Webseite bauen kann, braucht sie dieselben Grundlagen wie jede gute Agentur: Positionierung, Texte, Bildwelt, Brand Design. Daran ändert die Technik nichts.
Hinterlegt werden diese Informationen ganz unspektakulär. Man legt Briefing, Markenleitfaden, Texte und Bilder als Dateien in einem Projekt ab. Farben, Schriften und Abstände lassen sich als Design-System festhalten. Beim Programmieren liegt meist eine Textdatei mit den Regeln im Projektordner, etwa: Primärfarbe, Headline-Schrift, Tonalität.
Eine magische Verknüpfung gibt es nicht. Die strategische Arbeit bleibt vollständig nötig. Die KI ersetzt sie nicht, sie braucht sie als Input.
Muss die Schreinerei ihre Webseite selbst bauen?
Ich frage mich: Warum sollte eine Schreinerwerkstatt in der Lage sein, ihre Webseite ohne Hilfe zu erstellen und zu pflegen? Die Schreinerei verdient ihr Geld mit Möbeln. Jede Stunde, die der Meister mit seiner Website verbringt, fehlt in der Werkstatt.
Meine Haltung als Langzeit-Selbstständige ist klar. Ich konzentriere mich auf das, wofür ich angetreten bin. Mein Geschäftsmodell muss mir den Rahmen bieten, Dinge abzugeben, die ich nicht kann oder nicht machen will: an Steuerberatung, Buchhaltung, Programmierung. Arbeitsteilung ist kein Zeichen von Rückständigkeit, sondern der Normalfall jeder funktionierenden Wirtschaft. Die Botschaft „jetzt kann jeder alles selbst“ kommt oft von denen, die Kurse oder Werkzeuge verkaufen.
Gleichzeitig weiß ich aus eigener Erfahrung, wie sich Grenzen verschieben. Den Schriftsetzer gibt es nicht mehr, weil Satz billig und zugänglich wurde. Gute Typografie wurde dadurch nicht überflüssig, sie wanderte zu Gestalterinnen wie mir. Ähnlich dürfte es hier laufen: Das reine Umsetzen wird billiger und schneller, auch für Mitbewerber. Was zählt, sind Strategie, Gestaltung, Verantwortung für Technik und Recht und eine verlässliche Beziehung über Jahre.
Begebe ich mich in Abhängigkeit von US-Konzernen?
Das war meine größte Sorge. Die Antwort ist differenzierter, als ich dachte.
Der Code, den eine KI schreibt, besteht aus ganz normalen Dateien in offenen Standards. Sie gehören mir, nicht dem KI-Anbieter. Würde dieser morgen verschwinden, liefe die Seite weiter, und jede Webentwicklerin könnte sie bearbeiten.
Abhängigkeiten entstehen trotzdem, nur an anderen Stellen:
- Beim Hosting, wenn die Seite bei einer US-Plattform liegt.
- Beim Arbeitsablauf, wenn die Pflege nur noch per KI funktioniert.
- Bei der Code-Qualität, wenn der Code verschachtelt und undokumentiert ist und Menschen ihn kaum noch nachvollziehen können.
- Bei der eigenen Arbeitsweise, wenn das Werkzeug fester Teil des Geschäfts wird. Immerhin gibt es Alternativen, auch europäische wie Mistral.
Ehrlicherweise musste ich mir eingestehen: Auch heute bin ich abhängig. Divi ist ein kommerzielles Produkt einer US-Firma, und Divi-Seiten lassen sich ohne Divi kaum weiterverwenden. Bei Adobe ist es nicht anders. WordPress selbst ist dagegen Open Source und würde auch ohne einzelne Firmen weiterbestehen. Diese Abhängigkeiten habe ich nur nicht mehr präsent, weil sie seit Jahren stabil laufen. Von den neuen Werkzeugen lässt sich das noch nicht sagen. Das Neue muss sich erst beweisen.
Mein Fazit, Stand heute
Für mein Geschäftsmodell sehe ich derzeit keinen zwingenden Grund, WordPress aufzugeben. Meine Kunden wollen ihre Seiten selbst pflegen oder mich anrufen können. Beides funktioniert mit meinem eingespielten System gut.
KI nutze ich trotzdem, und zwar dort, wo sie mir nützt:
- Codeschnipsel für optische Anpassungen und Funktionserweiterungen, wie ich es schon länger tue.
- Einzelne Plugins durch wenige Zeilen eigenen Code ersetzen. Weniger Plugins bedeuten weniger Konflikte und Updates.
- Fehlersuche, Datenschutz-Checks, die Einbindung von Karten.
- Änderungswünsche aus dem Zeitkonto schneller erledigen.
Für Kunden, die nie selbst etwas ändern wollen, etwa bei einer Visitenkarten-Website oder Landingpage, kann eine statische Seite eine wartungsärmere Option sein. Dann mit europäischem Hosting, einer eigenen Kopie aller Dateien und meiner Programmiererin als Prüferin.
Meine Skepsis halte ich nicht für Trägheit, sondern für Erfahrung. Neue Werkzeuge übernehmen, aber selbst entscheiden, wofür: So habe ich es in 40 Jahren immer gehalten. Ich werde diese Einschätzung überprüfen, wenn sich die Technik weiterentwickelt hat.
Bildnachweis: © Planet Volumes | www.unsplash.com

